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Editorial I Fondsjournal Juni 2026

Das Finanzmarkt-Puzzle

Die Finanzmärkte haben viele Einflussfaktoren wie Leitzinsen, Wirtschaft, Unternehmensgewinne, Geopolitik und anderes mehr. Die Erwartungen sind dabei wichtiger als der aktuelle Ist-Zustand, der im Sinne einer Markteffizienz in den aktuellen Kursen abgebildet sein sollte. Aus vielen Puzzle-Teilen entsteht dann ein Gesamtbild, zumindest sollte es das.
Quelle: Shutterstock

Dass die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen nach oben drängen und gleichzeitig der globale Aktienmarkt neue Höchststände macht, ist bemerkenswert. Auch im geopolitischen Umfeld wurde im abgelaufenen Monat viel geredet, aber wenig strukturell und nachhaltig gelöst. Insofern ist aktuell das Gesamtbild nicht ganz stimmig, manche Puzzleteile spiessen sich. Solche Phasen gibt es an den Märkten immer wieder. Sich dann auf eine einseitige Meinung festzulegen, wäre die klar falsche Antwort. Wir sind durch die vergangenen Monate mit ruhiger Hand und wenig Aktionen zu unserens Investments in Aktien, Anleihen, Rohstoffen und Gold gestanden und gehen mit dieser Aufstellung auch in den Sommer.

 

„IT`S THE ECONOMY, STUPID“
Bill Clintons berühmter Slogan aus 1992 beschreibt, worauf es bei Wahlen wirklich ankommt. Frei abgewandelt gilt aktuell für den Aktienmarkt: „It is the company‘s profit, stupid.” Treiber der guten Entwicklung waren die Unternehmensgewinne, vor allem in den USA, und nichts anderes haben die Märkte abgebildet. Über 80 % der Unternehmen haben in der abgelaufenen Berichtssaison ihre Erwartungen übertreffen können. Wenn der US-Markt 2026 etwa 10 % zugelegt hat, sich die Gewinnerwartungen für die kommenden 12 Monate aber auf etwa 14 % erhöht haben, dann sind US-Aktien etwas billiger geworden. Nicht mehr und nicht weniger ist passiert. Klarerweise ist der große Themenkomplex KI immer noch der massive Treiber, sowohl was die Unternehmensgewinne betrifft als auch den Anteil an der Wirtschafsleistung. Die aktuelle Chance ist ein mittelfristiges Risiko, wir meinen aber, es ist zu früh sich dagegenzustellen. Auch die massiven Kursgewinne in Asien sind vor allem Titeln wie Samsung, SK Hynix oder Taiwan Semiconductor zu verdanken. Die solide und resistente Lage der Aktienmärkte ist aber auch dem Blick in die Zukunft geschuldet. Für 2027 wird aktuell in den USA ein Gewinnwachstum von etwa 13 % angesetzt. Aktuell profitieren die “Technologieverkäufer”. Plausibel erscheint aber, dass mittelfristig die Produktivitätsgewinne von den Verkäufern auf die “Technologienutzer”
übergehen werden, was wieder dafür spricht, breit zu diversifizieren und beides im Portfolio zu haben.

DIE NOTENBANKEN
Die kommenden Aktionen der Notenbanken werden eine hohe Symbolwirkung haben. Nach wenigen Tagen der Aufregung wird man aber erkennen, dass 0,25 % mehr oder weniger Leitzins keine neue Welt erschaffen wird, weder in der Wirtschaft, noch an der Börse. Wichtig wird sein, beides zu beachten. Klarerweise die aktuelle Inflationssituation aufgrund der bekannten Themen der Geopolitik. Aber eben auch mittelfristige Effekte. KI, Produktivitätsfortschritte und auch Chinas Exporte wirken mittelfristig wieder preisdämpfend – und eine Lohn-Preis-Spirale gibt der Arbeitsmarkt aktuell nicht her.

WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN,…
…wenn das Gute ist so nah. Wussten Sie, dass die Wiener Börse 2025 zu den 10 besten Börsen der Welt gehörte und auch 2026 sich auf globalem Top-Niveau bewegt? Der globale Blick ist langjährige Basis unseres Monatskommentars. Lassen Sie uns aber ausnahmsweise in dieser Ausgabe die Lupe auf Österreich richten. Ein Problem der heimischen Kapitalmarktumgebung ist auch,  dass über sinkende Aktienkurse meist intensiv berichtet wird. Über steigende Kurse dagegen wird oft wenig bis gar nicht geschrieben. Um Wiener Aktien richtig zu verstehen, sind aber drei
Punkte zu berücksichtigen.

ERSTENS: WER NOTIERT AN DER BÖRSE?
Ein Kardinalfehler in der Beurteilung ist und bleibt, dass man aus den Zahlen der heimischen Konjunktur oder den Handlungen der heimischen Politik eine Meinung zur Wiener Börse ableitet. Das ist falsch, das eine hat mit dem anderen wenig bis sehr wenig zu tun. Die klar überwiegende Mehrheit der in Wien notierten Unternehmen hat eine geringe Abhängigkeit vom Inland. Es handelt sich um stark in Osteuropa oder global verankerte Geschäftsmodelle, oft Marktführer in ihren Nischen, aber – und das möge hoffentlich beständig so bleiben – mit ihrem Headquarter
in Österreich.

ZWEITENS: WER INVESTIERT?
Wir heimischen Investoren, egal ob Private oder Institutionelle, sind nicht stark genug, um den Kapitalmarkt im Inland nachhaltig zu bewegen. Über drei Viertel der Umsätze an der Wiener Börse kommen von internationalen Investoren. Deren Einschätzung und Wahrnehmung entscheidet daher auf Sicht über das Kursniveau – und nicht unsere. Nach Jahren der Flaute hat, beginnend im März 2025, mit dem Konjunkturpaket Deutschlands das Interesse wieder zugenommen. Die Region wird wieder mehr von globalen Investoren interessiert verfolgt. Damit gibt es auch
wieder Nachfrage nach kleinkapitalisierten Unternehmen, in den Vorjahren oft vernachlässigt. Eine Lösung im Krieg Russland-Ukraine, wenn auch aktuell nicht wirklich in Sicht, wäre ein weiterer positiver Treiber.

DRITTENS: WAS SAGT DER INDEX?
Die Mehrzahl der internationalen Indices legen die Gewichtungen der einzelnen Unternehmen je nach Höhe des frei gehandelten Börsenwertes fest, auch in Wien ist dies der Fall. Damit muss man wissen, dass die drei Großbanken ERSTE, Raiffeisen International und BAWAG etwa 40 % der Indexgewichtung ausmachen, mit dementsprechendem Einfluss auf die ATX-Performance. Das bedeutet nicht, dass Sie das in Ihrem Portfolio so
umsetzen müssen, auch Fondsmanager streuen aufgrund der Gesetzeslage deutlich breiter.


FAZIT
Neben den globalen Investments gibt es auch regionale Champions. ERSTE und Vienna Insurance dominieren in Osteuropa. Voest, Palfinger, Andritz, Wienerberger oder Strabag sind Qualitätsführer in ihren Bereichen. Die Liste lässt sich fortsetzen. Ein kleiner Teil „Patriotismus“ ist daher auch in der Geldanlage angesagt und erlaubt. Wir halten eine Gewichtung von 3 - 5 % des Aktienteils für angemessen.

 

Ihr Alois Wögerbauer

 

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