Sicher beantwortbar ist die Frage nicht. Festhalten sollte man aber, dass diese Multikonzerne in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich mehr richtige Entscheidungen getroffen haben als falsche. Aber ist das wirklich die entscheidende Frage aus Investorensicht? Nein. Diese Unternehmen sind klarerweise Teil unserer Aktienstrategien, aber daneben halten wir auch 60 oder mehr andere Unternehmen in den jeweiligen Strategien. Die wirkliche wichtige Frage ist: Wird das Ausrollen von KI mittelfristig die Produktivität von Banken, Versicherungen, Pharmaunternehmen und vielen anderen Branchen verbessern? Und diese Frage ist mit einem eindeutigen JA zu beantworten.
AKTIENMÄRKTE AUF HÖCHSTSTÄNDEN
„Aktienmärkte unweit von Höchstständen und seit Jahresbeginn mit einem zweistelligen Prozentsatz im Plus? Wie kann das sein in Zeiten von Energiekrisen, höchst turbulenter Geopolitik und steigenden Zinsen am langen Ende? Die Börsen haben sich von der Realität gelöst!“ Ich höre diesen Satz und diese finale Analyse persönlich sehr oft. Aber sie ist falsch.
„DIE MÄRKTE?“
Zum besseren Verständnis des aktuellen Umfeldes ist es wichtig, Details zu kennen und sich auch von einigen Mythen zu verabschieden. Kein Begriff wird am Finanzmärkt täglich so oft verwendet wie „die Märkte“. Aber was sind den eigentlich „die Märkte“? Die Märkte sind definitiv nicht eins zu eins die Wirtschaft des jeweiligen Landes, dies zu trennen ist wichtig. Der Markt wird immer definiert mit dem jeweiligen Aktienindex, je nach Land. Diese Indices sind je nach Börsenkapitalisierung der Unternehmen gebaut und müssen aber in keinster Weise die Inlandswirtschaft korrekt abbilden. Bestes Beispiel ist der Leitindex der Wiener Börse; ERSTE, BAWAG und Raiffeisen Bank International machen über 40 % der Indexgewichtung aus und prägen den Index dementsprechend massiv.
Zudem sind in einer globalisierten Welt vor allem auch global tätige Unternehmen an der Börse, mit wesentlichen Umsatz- und Gewinnanteilen im Ausland. Das gilt symbolisch für eine Allianz oder SAP in Deutschland, für eine Voestalpine, Andritz oder Wienerberger in Österreich, aber klarweise auch für eine Microsoft und Alphabet in den USA. Es gibt daher keinen immer logischen Zusammenhang zwischen Konjunktur, Politik oder Konsumstimmung in einem Land und dem jeweiligen Aktienindex dieses Landes. Dies zu erkennen ist für eine nüchterne und emotionslose Entscheidung die ganz wichtige Basis.
Weitere wichtige Basis ist auch, dass die mediale Präsenz einer Branche nichts zu tun haben muss mit deren Wichtigkeit am Aktienmarkt. Bestes Beispiel in unseren Breitengraden ist die Autobranche. Jede Meldung sichert Schlagzeilen und ich möchte die Wichtigkeit der Branche inklusive Zulieferer in keinster Weise kleinreden. Aber die mediale Aufmerksamkeit steht in keiner Relation zur Bedeutung am Aktienmarkt, und das ist für das Fondsmanagement die einzig wichtige Größe. Europäische Autoaktien machen aktuell weniger als 2 % des gesamten europäischen Börsenwertes aus. Sie können 50 % steigen und sie können sich halbieren, es wird den gesamten europäischen Aktienmarkt nicht bedeutend verändern.
DER ERSTE GEDANKE…
…ist oft der Falsche. Wahrnehmungen, oft oberflächlich formuliert, werden zur Konsensmeinung und entwickeln sich zu Myhten, die dann keinem Faktencheck mehr unterzogen werden. Dazu vier Beispiele des europäischen Aktienmarktes, der sich zuletzt recht gut gehalten hat.
Mythos Nummer 1: Schwache europäische Wirtschaft bedeutet schwachen europäischen Aktienmarkt
Diese Logik greift zu kurz. Nimmt man den renommierten gesamteuropäischen Aktienindex, dann kommen bei den im Index enthaltenen Unternehmen lediglich 40 % der Umsätze aus Europa. 24 % entfallen auf die USA, 19 % auf Asia-Pacific und 15 % auf andere Emerging-Markets. Und übrigens: Angesichts des Energieschocks ist die europäische Wirtschaft besser durch das erste Halbjahr gekommen, als man angesichts des Umfeldes hätte befürchten können.
Mythos Nummer 2: Hohe Energiepreise drücken auf die Unternehmensgewinne
Erster Gedanke, aber falsch. Klarerweise gibt es Branchen mit dementsprechend negativen Auswirkungen. In den europäischen Aktienindices sind aber Versorger, Energie und Rohstoffunternehmen und vor allem Banken und Versicherungen sehr hoch gewichtet. Von hohen Rohstoffpreisen, höheren Inflationserwartungen und somit strukturell höheren Zinsen profitieren diese Unternehmen sogar. Dazu gibt es ebenfalls im Index substanziell gewichtete Branchen mit kaum einem Einfluss der Energiepreise. Klassische Beispiele sind Technologie, Software, Telekommunikation oder Gesundheit. Zuletzt fand sogar das Gegenteil des ersten Gedankens statt. Aufgrund der hohen Gewichtung von Energie und Finanzaktien im Index hat das Umfeld um Öl & Co sogar dazu geführt, dass die Gewinnerwartungen auf Basis der Indexteilnehmer nach oben revidiert wurden…
Mythos Nummer 3: Europäische Unternehmen haben kaum Gewinnwachstum
Fakt ist: Trotz des komplizierten Umfeldes zeigten europäische Aktien im ersten Halbjahr 2026 das beste Gewinnwachstum seit drei Jahren. Die Unternehmensgewinne legten im Schnitt um etwa 14 % zu. Natürlich könnte man auch hier wieder Energieaktien rausrechnen, aber die Branche ist Teil des Marktes und wer dort nicht investiert war, hat bewusst eine eigene aktive Entscheidung getroffen. Damit gilt auch für europäische Unternehmen: Die Kurse sind zweistellig gestiegen, die Unternehmensgewinne auch, damit sind die Aktien nicht teurer als zu Jahresbeginn.
Mythos Nummer 4: Chinas Exporte setzen Europas Wirtschaft unter Druck
Auch hier gilt zur Wiederholung: Die Wirtschaft ist nicht die Börse. Klarerweise werden einzelne Wirtschaftsbereiche bedrängt durch Billigimporte aus China, aber am Aktienmarkt sind die wesentlichen Branchen Banken, Versicherungen, Pharma, Technologie, Energie, Versorger, Luftfahrt & Rüstung; alles Branchen mit keinem substanziellen Druck aus China.
AUGUST BRINGT COMEBACK DES „DEBASEMENT-TRADES“
Die Sorgen aufgrund hoher Staatsschulden und damit zu lockerer Inflationsbekämpfung führen zu Kapitalflüssen raus aus Papiergeld und rein in andere Assets wie Aktien oder Gold und Rohstoffen .Das war eine unsere Leitplanken 2026, wir sahen und sehen dies als Trend des Jahrzehnts. Die Anleihekäufe des US-Finanzministeriums haben in Erinnerung gerufen, dass das Staatsschuldenthema immer da war, und jetzt eben wieder zentral diskutiert wird. Die US-Renditen werden das Thema des Herbstes werden. Gold hat erwartbar darauf reagiert und ist nach der Konsolidierung im Bereich von 4.000 US-Dollar je Unze wieder auf Niveaus von etwa 4.400 US-Dollar gestiegen. Genau aufgrund dieses Debasement-Trades, den man nicht timen kann, haben wir auch an schwachen Tagen unerschütterlich an unserer Gold-Gewichtung festgehalten.
Ob die US-Eingriffe in die Zinskurve den gewünschten Erfolg bringen werden, lässt sich noch nicht final beurteilen. Das Beispiel Japan zeigt: Die Märkte suchen sich ein Ventil, wenn die Zinskurve manipuliert wird, dann wird das Ventil wohl die Währung sein. Die Wahrscheinlichkeit eines schwächeren Dollars hat deutlich zugenommen. Eine EZB-Zinserhöhung würde das in der Relation EUR/US-Dollar nochmals verstärken. Zudem: Dass man lang laufende Schulden zurückkauft und kurz laufende Schulden erhöht, steigert die Abhängigkeit von kurzfristigen Refinanzierungen und verkompliziert die Zinspolitik der Notenbank. Für einen spannenden Herbst ist also gesorgt.
Warum war auch hier der erste Gedanken falsch und die Aktienmärkte haben in Summe vergleichsweise wenig aufgrund der Zinsentwicklung gelitten? Ein valider Erklärungsansatz können die Theorien des österreichischen Okönomen Joseph Schumpeter (1883 bis 1950) sein, die vereinfacht sagen, dass Innovationen der Treiber von Zyklen sind, aktuell haben wir in Form der KI-Revolution einen Innovationszyklus, der eben auch ein höheres Niveau der Renditen von Staatsanleihen verträgt.
DAS SOMMERFAZIT
Die Aktienmärkte zeigten in Teilbereichen hohe Schwankungen, gerade im Bereich KI, Halbleiter, Speicher. Die Börse in Korea, geprägt von den Unternehmen Samsung und SK Hynix, zeigte Tagesgewinne und Tagesverluste im jeweils zweistelliges Prozentbereich. Es gab aber auch zwei klar positive Erkenntnisse.
Erstens: Die Berichtsaison der Unternehmen verlief sehr gut, nicht nur, aber vor allem in den USA. Wie an dieser Stelle seit Jahresbeginn wiederholt dargestellt, sind die Unternehmensgewinne der Treiber der Börsenentwicklung. Wir stehen im Jahrzehnt der Produktivitätssteigerung, welche durch KI sich weiter verbessern wird. 85 % der US-Unternehmen haben im zweiten Quartal 2026 die Erwartungen der Analysten übertroffen.
Zweitens: Die sogenannte Marktbreite hat sich deutlich verbessert. Es ist ein sehr starkes Zeichen, dass auch Multis wie Microsoft von der Spitze weg über 20 % zwischenzeitlich verlieren, dass es Tage gibt mit massiven Korrekturen bei Halbleiteraktien, aber eben dann andere Branchen dagegenhalten und der Index
und der Gesamtmarkt stabil bleiben. Seien es die Banken, Basiskonsum oder die in den vergangenen Jahren enttäuschende Gesundheitsbranche. Dies bedeutet: Geld verlässt einzelne Titel und Branchen, aber Geld verlässt nicht den Markt. Ein positives Signal.
Zu Recht werden die massiven Investments der Tech-Riesen mittlerweile kritisch hinterfragt. Zu Recht wird hinterfragt, dass sich Tech-Unternehmen teilweise substanziell an ihren Kunden beteiligen und damit im Gegenzug eigene Umsätze absichern. Ein nicht ungefährliches Spiel. Dies bleibt auch ein Bereich, auf den man in den kommenden Quartalen ein Auge werfen muss. Offenbar haben die Märkte, um diesen Begriff nochmals zu strapazieren, aber das auch im Auge. Microsoft, META &Co sind nicht substanziell teurer bewertet als der Gesamtmarkt, die teilweise hohe Bewertungsprämie der Vorjahre ist abgebaut, die neue Situation eingepreist.
Der Konsens für das Wachstum der Weltwirtschaft 2026 hat sich bei knapp unter 3 % eingependelt. Die Konjunkturpessimisten, breit in den Medien zitiert im Frühjahr bei Ölpreisen von über 100 Dollar, haben einmal mehr nicht recht gehabt.
Der Konsens für die Leitzinsen geht aktuell von jeweils einer Erhöhung in den USA und im EURO-Raum für den Herbst aus. Wir halten dies nicht für nötig, sind aber demütig genug, den Notenbanken keine Ratschläge zu geben. Klarerweise sind aktuell Inflationssorgen im Vordergrund. Energiepreise, der Rohstoffhunger für die Datencenter und manches andere mehr. Blickt man durch diese Phase aber durch, dann wird mittelfristig die KI mit allen ihren Auswirkungen aber wohl eher eine deflationäre Entwicklung entfalten. Aber wie auch immer: Ein um 0,25 % anderer Leitzins hätte wenig Auswirkungen auf unsere Anlagestrategien.
Damit gehen wir breit, aber voll investiert in den Herbst. Eine solide Ertragslage bei den Unternehmen, Renditen im Anleihebereich auf attraktiven Niveaus und ein Goldpreis, der bei 4000 Dollar je Unze einen aus unserer Sicht guten Boden ausgebildet hat, sind eine gute Basis für die Portfoliokonstruktion.
Ich hoffe auch, dass der Blick in einige Details manche Mythen etwas relativiert hat. Wir investieren nicht in die Wirtschaft eines Landes, wir investieren in an der Börse notierten Unternehmen, die den Firmensitz in diesem Land haben.
Damit haben wir noch keinerlei verlässliche Prognose für die Zukunft. Wir haben aber eine gute Erklärung für die Gegenwart und die Erkenntnis, dass die Aktienmärkte sich nicht, wie oft kommentiert, von der Wirtschaft gelöst haben, sondern aufgrund ihrer jeweiligen Zusammensetzung rationaler und logischer reagiert haben, als die meisten glauben.
Ihr Alois Wögerbauer
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