Der Oktober 2026 markierte nunmehr den vierten Geburtstag des aktuellen Bullenmarktes, durchgeschüttelt nur durch zwei zwischenzeitliche Korrekturen im Rahmen der ersten Trump-Zollankündigungen im April 2025 und heuer durch den Krieg USA/Israel gegen den Iran. „The markets are climbing the wall of worry.“ Dies ist ein Börsenbegriff für steigende Aktienmärkte, obwohl gleichzeitig viele negative Nachrichten, Krisen oder Ängste herrschen. Grund genug für einen Rückblick und ein Zwischenfazit.
DIE ZEITENWENDE
Rückblickend war das Jahr 2022 wohl etwas mehr als ein kompliziertes Anlagejahr, es markierte eine Zeitenwende. Die Weltordnung stand im Prinzip auf drei Säulen: Eine halbwegs stabile Friedensordnung, eine gewohnte Energieordnung und ein enorm hohes Vertrauen in die Vorteile der Globalisierung. Angekommen in der „neuen“ Welt folgten dann hohe und vor allem staatliche Investitionen in Infrastruktur, Energie, Klima und Verteidigung; das Bewusstsein über Lieferkettenrisiken nahm deutlich zu und manches wurde wieder regionaler, weniger global gedacht.
Fast zeitgleich begann die KI-Revolution mit rasant steigender Nachfrage nach Strom, Datencentern oder Halbleitern. Vorteil: Investitionen wie seit Jahrzehnten nicht. Nachteil: Steigende Staatschulden.
DAS JAHRZEHNT DER PRODUKTIVITÄT UND DER INVESTITIONEN
In den vergangen vier Jahren stiegen die Unternehmensgewinne schneller als von Analysten und Anlegern erwartet wurde. Was vorerst als kurzfristige Erholung eingestuft wurde, entwickelte sich zu einem globalen und vor allem strukturellen Aufschwung. Der Riesentanker Weltwirtschaft fährt unbeirrt weiter, auch für 2026 liegen die Erwartungen bei einem realen Plus von etwa 3 %, trotz Geopolitik, hohen Zinsen und hohen Energiepreisen. Übrigens: Laut Internationalem Währungsfonds beträgt 2026 die weltweite nominelle Wirtschaftsleistung 126 Billionen Dollar, im Jahr 2010 waren es 67 Billionen und im Jahr 2000 waren es 34 Billionen.
Gerade im aktuell komplizierten Gesamtumfeld gilt es daher den Blick auf diese strukturellen Trends zu richten. Wir stehen im Jahrzehnt der Produktivität, getragen durch Automatisierung und Digitalisierung. Produktivität ist aus Investorensicht wohl die wichtigste Kennzahl. Sie ermöglicht es, die Gewinne zu steigern ohne zwingend die Preise erhöhen zu müssen und damit Inflationsdruck auszulösen. Nahezu jede technische Revolution der Geschichte wurde zu Beginn mit Skepsis betrachtet, vor allem aufgrund der hohen Investitionen. Klarerweise wird es auch im KI-Bereich Rückschläge geben, zwischenzeitlich vielleicht auch schmerzhafte. Dennoch dürften wir uns in einer noch frühen Phase des Zyklus befinden.
RESILIENZ FOLGT EFFIZIENZ
Früher war vieles rein auf Effizienz ausgerichtet, mit oft blindem Vertrauen in die Globalisierung. Nunmehr sind Sicherheit, Energieabhängigkeit oder kritische Infrastruktur in den Köpfen angekommen; aus dem Wunsch nach Effizienz wird der Wunsch nach Resilienz. Der Bau eines Datencenters ist in einer digitalen Welt letztendlich einfach notwendige Infrastruktur, genauso wie Strom, Energie, Wasser und ein Verkehrsnetz. Auf allen Kontinenten entstehen daher aktuell und vor allem zeitgleich neue Kapazitäten. Dies hat seinen Preis, aber es erzeugt eben auch Wirtschaftswachstum. Fazit daher nach vier Jahren Bullenmarkt: Kurzfristprognosen sind weder möglich noch seriös, wir wissen nicht, was der November am Aktienmarkt bringen wird angesichts der Tatsache, dass es global doch einige Baustellen gibt. Unser Vertrauen, dass die beschriebenen strukturellen Trends das gesamte Jahrzehnt anhalten, ist aber unerschütterlich.
DIE ZWISCHENWAHLEN IN DEN USA
Auch wenn die jüngsten Wahlen in diversen Ländern zeigen, wie vorsichtig man mit Prognosen sein sollte, so scheint es doch sicher zu sein, dass Donald Trump und die Republikaner das Repräsentantenhaus verlieren werden, die Prognosen liegen zuletzt bei 80 % Wahrscheinlichkeit. Offener ist der Senat, der aktuell nur mit 55 % Wahrscheinlichkeit verloren geht. Man kann natürlich alle möglichen Szenarien durchspielen und historische Vergleiche anstellen. Es findet sich aber kein klares Muster, wodurch wir als Fondsgesellschaft daher auch keinerlei Anpassungen in unseren Strategien als Vorgriff durchgeführt haben.
Überzeugt hat uns im Oktober auch die zunehmende Marktbreite des amerikanischen Aktienmarktes. Teilsegmente wie Halbleiter oder Speicher zeigten klare Korrekturen, im Gegenzug waren etwa Gesundheitsaktien gesucht und der breite Index hält sich stabil unwesentlich unter den Höchstständen. Geld wechselt die Branchen, aber Geld verlässt nicht den Markt; ein gutes Zeichen. Im Falle von geteilter Macht erwarten wir ähnliches. Demokraten sind eher pro grüner Energie oder Regulierung und so kann es Branchenverschiebungen geben, einen echten Gesamtmarkteinfluss sehen wir nicht. Geteilte Macht könnte auch mehr Berechenbarkeit bringen und weniger Hektik in der Gesetzgebung, wodurch wir in Summe eher ein leicht positives Fazit aus den Zwischenwahlen ableiten. Zu beachten bleibt: Donald Trump könnte nach den Zwischenwahlen eine weitere Eskalation mit dem Iran anstreben.
„WETTEN SIE NICHT GEGEN DIE USA“
Die Staatsschuldendiskussion ist gekommen, um zu bleiben, wir gehen aber von keiner weiteren Eskalation aus, nicht in den USA und auch nicht in Frankreich, wobei die Lage in Frankreich wohl komplizierter ist als in den USA. Zu Donald Trump möchte ich an dieser Stelle keine Bewertungen abgeben. Aber: Finanzminister Scott Bessent und FED-Chef Kevin Warsh sind Personen, die wissen, was sie tun. Das ist beruhigend und aus meiner egoistischen
Sicht aufgrund meines beruflichen Blickes ist mir Vertrauen in diese beiden Institutionen wichtiger, als Vertrauen in den Präsidenten.
Passend dazu ein Zitat von Warren Buffett: „Wetten Sie nicht gegen die USA.“ FED und Finanzministerium werden, wenn nötig, kreative Kraft entwickeln.
Die Lage in Frankreich ist komplexer, da die politische Zukunft unklar ist und das Land mit einer Staatsquote von 57 % der Wirtschaftsleistung einen internationalen Spitzenplatz einnimmt. Der Zinsabstand von Frankreich zu Deutschland liegt auf dem höchsten Stand seit der EURO-Krise. Aber auch hier gilt: Noch hat die EZB weder reagiert noch kommentiert, was gut ist. Etwas zu sagen würde mehr Unsicherheit bringen als nichts zu sagen.
EIN PLÄDOYER FÜR ANLEIHEN
Man muss viel gelebte Erfahrung haben, um die aktuelle Anleihesituation nicht nur von Chartbildern zu kennen. Nimmt man als Beispiel die 10-jährigen Staatsanleihen aus den USA, dann haben wir die höchsten Renditen seit knapp 25 Jahren. 2026 bleibt damit ein sehr kompliziertes Anleihejahr und ein Investment in breite globale Strategien ist bis dato leicht negativ. Dennoch ist der Gegenwind von heute die Ertragschance von morgen. Zur Klarstellung: Wir reden von globalen Strategien und nicht von breiten Investments in Frankreich. Zuletzt sind auch die Zinsvorsprünge von Unternehmensanleihen etwas ausgelaufen. Dennoch: Wir sehen in diesem Segment kein Bonitätsproblem, einzelne Ausnahmen gibt es immer. Es ist einfach der Anstieg der Basiszinsen. Die Renditen in unseren globalen Anleihekonzepten liegen aktuell jenseits der 5 %-Grenze bei Restlaufzeiten von im Schnitt etwa 6 Jahren. Ich kann mich in meinen langen Berufsleben nur an ganz wenige Phasen erinnern, in denen man mit Anleihen eine sehr gute Chance hatte, die Inflation zu schlagen.
Auch hier gilt der Blick nicht auf die kommenden beiden Monate, sondern auf die kommenden Jahre. Wir denken, dass wir in keinem strukturellen Inflationszyklus sind, wir haben nur eine hochkomplexe Energiesituation. Dies liegt nicht an grundsätzlicher Knappheit, sondern an den bekannten Problemen der Logistik und der Lieferketten. Mittelfristig ist dies lösbar und mittelfristig hat KI eher das Potential deflationäre Effekte auszulösen.
BLICK AUF DIE WELLEN, BLICK AUF DEN HORIZONT
In der Theorie ist es immer leicht zu sagen, dass man als Börsianer wie ein Kapitän sein soll, der nur Richtung Horizont blickt und nicht auf Wellen. Jeder, der eigenes oder fremdes Geld verwaltet weiß, dass dies in der Praxis nicht ganz so einfach ist. Man kann die Wellen nicht ignorieren, man sollte aber nicht laufend reagieren. Einige Wellen kann es auch im November geben. Angesichts der strukturellen Trends in der Wirtschaft, der hohen Renditen im Anleihebereich und der Aussichten für Gold und Industriemetalle finden wir aber ein insgesamt attraktives Umfeld für die Konstruktion langfristig orientierter Strategien vor. Mischen Sie die drei Asset-Klassen je nach Ihren Bedürfnissen und Ihrer Risikotragfähigkeit.
Ihr Alois Wögerbauer
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