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Editorial I Fondsjournal Mai 2026

Die Plus-Minus-Liste

Börsenbewegungen können viele Ursachen haben. Neue Wirtschaftsdaten, Entscheidungen der jeweiligen Notenbanken, Änderungen der Markteinschätzungen zu Unternehmensgewinnen oder Zinsen, externe Ereignisse wie etwa eine Pandemie, Sorgen über Staatsschulden und manches mehr.
Quelle: Shutterstock

Blickt man 40 Jahre zurück und untersucht die jeweils fünf schlechtesten und besten Handelstage der US-Börse in den Amtsperioden der US-Präsidenten, dann ergibt dies bis 2025 genau dieses Bild: Viele Gründe für Bewegungen, aber kein strukturelles Muster. In der noch kurzen Amtszeit von Donald Trump mit Beginn 2025 ist dies anders. Weder die fünf besten noch die fünf schlechtesten Handelstage hatten einen der oben genannten Gründe. Donald Trump hat die jeweiligen positiven oder negativen Bewegungen ganz ohne externe Faktoren nur mit seinen diversen Aussagen selbst herbeigeführt. Ein Umfeld, das rationale und sachlich basierte Geldanlageentscheidungen dementsprechend erschwert.

„RIGHT FOR THE WRONG REASONS“
Langjährige Leser unseres Monatskommentars kennen unsere nüchterne Selbsteinschätzung als Basis für langfristiges Vertrauen und Glaubwürdigkeit. „Der Blick Richtung Horizont und nicht auf die täglichen Wellen sollte helfen“. Dies war die finale Empfehlung vor einem Monat an dieser Stelle, versehen mit dem Hinweis, besonnen und mit ruhiger Hand investiert zu bleiben. Dieser Hinweis hat sich als absolut richtig erwiesen, ein sehr guter internationaler Aktienmonat liegt hinter uns. Aber: Die von uns skizzierte und erwartete Entspannung im Krieg USA-Iran ist nicht eingetreten. Die Börsen haben also eine Lösung positiv eingepreist, die es so gar nicht gibt. Das schafft Enttäuschungspotential – und daher ist es wichtig, auch die wesentlichen Einflussfaktoren einem Re-Check zu unterziehen. Wie immer gibt es eine Plus-Minus-Liste, mit jeweils überzeugenden Argumenten.

TRUMP – DER „ZAUBER“ VERFLIEGT…
„Zauber“ ist in diesem Zusammenhang natürlich ein völlig unpassendes Wort, aber eben die passende Redewendung. Der Glaube des US-Präsidenten, die Märkte steuern zu können, endet in Selbstüberschätzung. Unabhängig von seinen Aussagen, die in den vergangenen Tagen auch vom Finanzmarkt nicht mehr ernst genommen werden und somit keine Reaktionen gebracht haben, wird der Iran-Krieg nicht in einen Erfolg uminterpretiert werden können. Viele Probleme geschaffen, kein Kriegsziel wirklich erreicht. Gleichzeitig gibt es einen massiven Einbruch des Verbrauchervertrauens im Inland. Die massiven KI-Investitionen stützen und retten die US-Konjunktur, aber an der Wahlurne bei den Zwischenwahlen im November geht es nicht um die KI-Erträge der Zukunft, sondern darum, wie es den Wahlberechtigten heute geht. Damit hat sich die Lage für den US-Präsidenten in den vergangenen Wochen deutlich eingetrübt. Aber: keine vorschnellen Schlüsse. Genau das wird seine Kompromissfähigkeit massiv erhöhen, einfach um diesen Krieg beenden zu können. Das Problem dabei ist: Selbst wenn der Krieg in wenigen Wochen aus sein sollte, bleiben Folgewirkungen für geraume Zeit.

AKTIEN – GEWINNE UND BEWERTUNG
Einmal mehr war der Anstieg nicht getragen vom breiten Markt , sondern von der Investitionswelle im KI-Bereich, von Chips bis Speichern bis hin zum Aufbau von Datencentern inklusive Stromversorgung. In den USA bewegen sich die Kurse auf All-Time-Highs, aber zuletzt haben sich nur 30 % der Aktien besser entwickelt als der breite Index.

Übrigens: „Right for the wrong reasons“ gilt auch für den gesamten Themenkomplex der Energiewende, mit zuletzt deutlich steigenden Aktienkursen. Basis dafür ist der Wunsch nach Unabhängigkeit in der Energieversorgung und die Bedienung des globalen Strombedarfs in den kommenden Jahren. Ein rasantes Comeback der Nachhaltigkeit in der Geldanlage ist es dagegen nicht. Es ist immer wichtig, die Ursache für Bewegungen richtig einzuordnen.

Aber zurück zu Unternehmensgewinnen und Bewertungen, beide Faktoren notieren wir auf der Plus-Liste unserer Analyse. Die Berichtssaison der Unternehmen läuft bemerkenswert gut, in den USA haben etwa 80 % der Unternehmen die Erwartungen übertroffen. Für 2026 liegt der Konsens bei einer Gewinnsteigerung von im Schnitt etwa 12 %, für 2027 bei 10 %. Einmal mehr ist die Steigerung der Produktivität der Motor für die Gewinne. KI wird in den kommenden Jahren weitere Produktivitätsschübe bringen. Damit liegen auch die Bewertungen in Summe auf normalen Niveaus, keine Schnäppchen, aber auch keine Überteuerungen. Die US-Tech-Riesen um Microsoft & Co sind vergleichsweise günstig und notieren am unteren Ende der 10-jährigen Bewertungsbandbreite. Wir halten also fest: Es gibt bei Aktien kein Bewertungsproblem und auch kein Unternehmensgewinnproblem. Dies ist eine gute Ausgangsbasis, weil ein externer Faktor der Geopolitik leichter zu lösen ist als strukturelle Problemevon Wirtschaft und Börse.

DIE ZINSEN
An den Märkten werden derzeit drei Zinserhöhung der EZB im Jahr 2026 eingepreist, ein Konsens, den wir nur sehr bedingt teilen. Wir denken, es werden weniger sein. Erstens: Notenbanken können auch mit Worten viel bewegen, was sie ja auch bereits tun. Der Anstieg der langfristigen Zinsen hat auch eine bremsende Wirkung auf Wirtschaft und Inflation, ohne dass die Notenbanken die Leitzinsen angreifen müssen. Zweitens: Wie so oft an den Finanzmärkten ist es Ansichtssache, welchen Ansatz man verfolgt. Wir teilen den oft zitierten Vergleich mit 2022 nicht. Die Inflation 2022 und folgend war eine Auswirkung der Geldschwemme der Staaten im Corona-Umfeld, darauf folgte ein Nachfrageboom, bei gleichzeitigen Lieferkettensorgen. Zu hohe Nachfrage kann man mit Zinserhöhungen bekämpfen. Aber: Wir haben aktuell keinen Nachfrageüberhang, wir haben ein Angebotsdefizit im Bereich Öl und Gas. Kann man das wirklich mit Zinserhöhungen ändern? Es bleiben Zweifel.

UNSERE STRATEGIEN IM MAI
Wir waren Anfang April optimistischer als der Konsens und werden aktuell etwas vorsichtiger, ohne hektische Aktionen zu setzen. Wir haben lediglich in den Mischmandaten die Aktienquoten taktisch etwas reduziert und Cash aufgebaut. Wir schätzen den Anleihebereich mit Renditen im 4 %-Bereich bei breiter Streuung auf alle Anleiheklassen weiterhin als attraktiv ein. Wir glauben weiterhin an die Industriemetalle um Kupfer & Co. und bei Gold diskutieren wir, wann wir zukaufen, und nicht, ob wir Positionen abbauen.

Gerade wenn man eine Plus-Minus-Liste erstellt, ist es wichtig eine neutrale Position einzunehmen – und nicht jene Liste übergewichten, die einem emotional näher steht.

Zusammengefasst: Auf der Plus-Liste stehen solide Bewertungen im Aktienbereich, überzeugende Gewinnentwicklungen bei den Unternehmen, beständige Fortschritte in der Produktivität, hohe Beträge, die Veranlagung suchen, und auch die Überzeugung, dass investiert zu bleiben in den vergangenen Jahren stets der beste Ratgeber war.

Auf der Minus-Liste stehen sich eintrübende Aussichten für Konjunktur und Konsumentenvertrauen, Inflationssorgen und Notenbanken, die mit jeder Woche ohne Lösung im Bereich USA-Iran-Hormuz mehr unter Druck kommen eine Zinsentscheidung zu treffen, die der Verfassung der Wirtschaft fundamental widerspricht.Ein kompliziertes Umfeld.

Wenn auf beiden Listen schlüssige Argumente stehen, dann agieren wir in taktischen Details, ändern aber wenig an strategischen Überzeugungen. Jeder Geldanlagebedarf ist individuell, je nach Umgebung, Anlageziel, Risikotragfähigkeit. Aus unserer Sicht ist es aber klar die Zeit der Mischfonds, mit einer Ausgangsbasis, die wir vor allem im Zinsbereich lange nicht hatten. Eine Aufteilung 45 % Anleihen, 45 % Aktien, 10 % Rohstoffe/Gold hat für uns weiterhin langfristige Logik, nicht wissend, was der Mai an Neuigkeiten bringt.

Ihr Alois Wögerbauer

 

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