Müsste ich die Nachrichtenflut des ersten Halbjahres auf zwei Schlagzeilen reduzieren, dann würde ich folgende beiden Sätze nehmen, auch weil diese so ein typisches Zeichen für die Zeit sind, in der wir leben. Die Internationale Energieagentur (IEA) mit Sitz in Paris ist eine interstaatliche Organisatoin der OECD. Am 30. April spricht die IEA wörtlich „von der größten Energiekrise der Geschichte”, breit zitiert in allen Medien. Am 18. Juni, gute sechs Wochen später, warnte die IEA von einem Ölüberangebot 2027. „Das Angebot könnte die Nachfrage um mehrere Millionen Barrel am Tag übersteigen.“ Dies wurde medial kaum verbreitet, eben weil Dramatik spannender ist und der Ölpreis von seinen Höchstständen um 110 Dollar Richtung 70 Dollar unterwegs war.
STRATEGIECHECK ZUR HALBZEIT
Wir haben uns immer als Asset-Manager mit ruhiger Hand bezeichnet, weil hektisches Reagieren auf die Tagesaktualität keinen Mehrwert bringen kann. Wir wissen, dass man die Zukunft nicht voraussehen kann, aber dennoch braucht es immer einen Plan. Unser Plan sind unsere Leitplanken, die wir zu Jahresbeginn definieren, die uns begleiten, die wir im Zwei-Wochentakt hinterfragen und die wir anpassen, wenn es wirklich neue Erkenntnisse gibt. Lassen Sie uns gemeinsam die Halbzeitpause für einen Zwischencheck nützen. (Sie finden die Formulierungen vom Jänner und dazu die Sicht von heute.)
Leitplanke 1
REDEN WIR ZUERST ÜBER DIE WELT…
Die Konsenserwartung für die Jahre 2026 und 2027 liegt knapp über 3 % realem Wachstum der Weltwirtschaft.
Dass die Weltwirtschaft viel aushält ist die Erkenntnis dieses Jahrzehntes. Der rein regionale Blick auf Österreich und Deutschland verstellt die Sicht auf globale Trends. Einige Ökonomen sprachen zu Kriegsbeginn USA/Israel – Iran bereits von einer Weltrezession; diese wird nicht stattfinden. Von zu Jahresbeginn „knapp über 3 %“ hat sich der Konsens nun bei „knapp unter 3 %“ eingependelt. Neue Erkenntnisse für die Geldanlage bringt dies nicht.
Leitplanke 2
DIE VOGELPERSPEKTIVE: „DEBASEMENT-TRADE“ UND „FIAT-MONEY“
Es trat wieder mehr ins Bewusstsein, dass wir konsequent hohe Verschuldungen haben und ungedeckte Währungen, eben technisch aus dem Lateinischen abgeleitet als FIAT-Money bezeichnet. „Debasement“, also Abwertung im Form von Kaufkraftverlust, bleibt daher ein Sorgenszenario. Raus aus Papiergeld und rein in Sachwerte wie Edelmetalle und Aktien war der Trend 2025. Wenn viel Geld Veranlagung sucht, könnten strukturell höhere Bewertungen auch das neue „normal“ sein. Wird sich diese übergeordnete Grundtendenz 2026 fortsetzen? Wir meinen JA.
Wir halten an allen Argumenten fest, keiner der grundlegenden Treiber hat sich verändert, ganz im Gegenteil. Der globale Veranlagungsdruck ist hoch. Unabhängig von Beträgen gibt es den Wunsch nach realen Assets, die nun einmal Aktien, Gold und Rohstoffe sind. Wir halten dies für einen Trend der kommenden zehn Jahre und jeder Trend bringt zwischenzeitlich Korrekturen oder Seitwärtsbewegungen. Im Zweifelsfall und bei unklarer Sachlage werden wir uns daher für „Investiert bleiben“ entscheiden, eben weil es langfristig der bessere Zugang ist als ständiges Timing zu versuchen.
Leitplanke 3
EZB WOHL AM ZIEL; FED NOCH NICHT
Der EZB-Senkungszyklus scheint abgeschlossen, eine letzte Senkung des Einlagenzinses von 2,00 % auf 1,75 % ist möglich, ist aber nicht unser Kernszenario. In den USA dagegen werden die Zinsen wohl zwei- bis dreimal zu je 0,25 % gesenkt werden, um dann bei etwa 3 % zu landen.
Leitzinserwartungen ändern sich oft rasch und meldungsbezogen. Die EZB musste nach der energiebedingten Inflationsbewegungen ein Signal setzen, eine zweite Zinserhöhung um neuerlich 0,25 % im Herbst ist möglich. Deutlichere Erhöhungen sehen wir nicht und wären aus unserer Sicht auch nicht empfehlenswert. Klar verändert hat sich die Erwartung auch in den USA. Aufgrund von Inflation und solider Wirtschaft kamen die Senkungen nicht, es wird von einer Erhöhung im Herbst ausgegangen. Hier wären wir aber noch vorsichtig, das Zusammenspiel von FED-Chef Warsh und Präsident Trump wird eines der spannenden Themen des Herbstes. Grundsätzlich darf man Dinge nicht größer machen als sie sind. Ob sich der Geldmarktzins um 0,25 % bewegt oder nicht, hat für unsere globalen Anleihestrategien mit Restlaufzeiten jenseits von sechs Jahren oder auch für unsere Aktienstrategien abseits symbolischer Effekte keine substanzielle Bedeutung.
Leitplanke 4
US-DOLLAR-ABWERTUNG WOHL ZUM WESENTLICHEN TEIL ABGESCHLOSSEN
Wir denken, dass der Großteil des Weges gegangen ist. Eine weitere leichte Anpassung ist zwar möglich bis wahrscheinlich, Kurse schwächer als 1,25 zum EURO sehen wir nicht.
Das Auspreisen der erwarteten Zinssenkungen führte jüngst zu einer Stärkung der US-Währung. Insgesamt bleibt aber festzuhalten, dass die Schwankungen auch im historischen Vergleich grundsätzlich eher gering sind. Überzeugende Argumente für einen deutlich stärkeren oder deutlich schwächeren US-Dollar sehen wir aktuell nicht. Allfällige Aktienallokationen sind getrieben von Bewertungskennzahlen und fundamentalen Faktoren. Eine daraus resultierende Dollar-Gewichtung nehmen wir zur Kenntnis, eine Währungsmeinung, welche die Allokation mitbeeinflusst, haben wir aktuell nicht.
Leitplanke 5
ANLEIHEN SCHLAGEN CASH
Auf ein gutes Anleihejahr 2025 sollte ein gutes Anleihejahr 2026 folgen, vor allem werden Anleihestrategien einer Cash-Strategie klar überlegen sein. Wir sind mutig, aber risikobewusst, nützen alle Anleiheklassen aus und haben auch für 2026 eine Renditeerwartung von etwa 4 %.
Leicht anziehende Renditen am mittleren und langen Laufzeitenende haben die Kurse leicht gedrückt, aber die Ertragserwartung der Zukunft erhöht. Wir halten an allen Überzeugungen wie der Beimischung von Emerging-Markets-Anleihen oder Hochzins-Papieren unverändert fest. Bei den langfristig ausgelegten Strategien arbeiten wir mit Durchschnittsrenditen von über 4 %, die wir uns über eine mittlere Restlaufzeit von sechs bis sieben Jahren langfristig gesichert haben.
Leitplanke 6
AKTIENMÄRKTE GETRAGEN VOM GEWINNWACHSTUM
Die Börsen sind getrieben von aktuellen Meldungslagen, oft übertriebenen Erwartungen, oft zu großen Ängsten. Auf lange Sicht zählt aber das Gewinnwachstum der Unternehmen. Die aktuellen Gewinnschätzungen für 2026 für die Unternehmen des Weltindex liegen im Konsens bei Steigerungen von im Schnitt 8 % bis 9 %. Die erwarteten Gewinnsteigerungen sind daher auch eine gute Orientierung für die Performanceerwartung.
Die Entwicklung der Unternehmensgewinne ist der wahre Grund für das bisher gute Börsenjahr 2026, die Schätzungen zu Jahresbeginn wurden nach oben revidiert. Die Produktivitätsfortschritte der Unternehmen sind immer wieder bemerkenswert und KI wird diesen Trend in den kommenden Jahren weiter verstärken. In der jüngsten Berichtssaison konnten in den USA über 80 % der Unternehmen die Erwartungen übertreffen. Wenn wie am Beispiel USA die Kurse im ersten Halbjahr um knapp 10 % zulegen, die Unternehmensgewinne aber um 16 %, dann sind in Summe die Aktienmärkte heute billiger als zu Jahresbeginn. Klarerweise gibt es starke Unterschiede nach Branchen, aber die gibt es immer. Die Aktienmärkte haben sich daher nicht, wie oft beschrieben, von der Realität gelöst, sondern haben vielmehr das dargestellt, was auf Unternehmensseite geliefert wurde. Hier ein wichtiger Hinweis: Persönliche regionale Wahrnehmungen zur Wirtschaftslage haben meist wenig mit den an der Börse notierten Unternehmen zu tun.
Leitplanke 7
KI-THEMA GEWINNT AN BREITE UND IST KEINE SPEKULATIONSBLASE
Die sogenannte künstliche Intelligenz ist mehr als ein Hype, der kommt und wieder geht. Es ist mehr ein struktureller Wachstumstreiber, der die Produktivität erhöht, neue Wertschöpfung erschließt und tiefgreifende Innovation ermöglicht. KI-Ausgaben schaffen greifbare Nachfrage und reale Infrastruktur, indem sie Investitionen in Hardware, Cloud-Dienste und Software vorantreiben, um den wachsenden Bedarf zu decken.
KI bleibt ein zentrales Börsenthema, die Treiber haben sich aber verändert. Die als „Glorreiche Sieben“ bezeichneten Techriesen um Apple, Microsoft, Nvidia & Co haben im bisherigen Jahresverlauf den breiten US-Markt recht deutlich underperformed und liegen seit Jahresbeginn leicht im Minus. Aber auch hier sind die Bewertungen billiger geworden, da die Gewinnentwicklung gut war; kritisch gesehen werden allerdings aktuell die enormen Investitionen in KI-Infrastruktur. Gewinner des Jahres sind genau die Profiteure dieser Milliardeninvestitionen; Speicher, Chips, Investments in Datencenter. Manche Kursentwicklungen aus dieser Ecke zeigen fahnenstangenartige Anstiege. Langjährige erfahrene Anleger wissen, dass Fahnenstangen immer in einer Korrektur enden, sie wissen aber auch, dass man nicht sagen kann wann. Was also tun? Die richtige Antwort ist: Breit diversifizieren. Wir haben nie nur auf die „Glorreichen Sieben“ gesetzt, sondern immer gestreut. Auch aktuell halten wir Microsoft, Alphabet & Co die Treue, investieren aber auch in andere Bereiche aus dem Tech-Sektor, immer mit dem Ziel, Klumpenrisiken zu vermeiden. Die sogenannte Marktbreite nahm zuletzt zu, wie von uns erwartet. Es ist ein gutes Zeichen, dass Microsoft deutlich korrigieren kann, dass Neuemissionen wie SpaceX Kapital absaugen, aber der Gesamtmarkt in den USA eine mehr als solide Entwicklung zeigt.
Leitplanke 8
EMERGING-MARKETS – VON DER BEIMISCHUNG ZUM PFLICHTTEIL
Im Anleihebereich waren Emerging-Markets schon länger Teil unserer Strategie, wenn auch nicht mit den aktuellen Gewichtungen. Im Aktienbereich haben wir uns in den vergangenen Jahren klar zurückgehalten, haben aber zuletzt diesen Kurs geändert. Wir denken, dass in beiden Segmenten Emerging-Markets von der Option zur Pflichtbeimischung werden. Wir halten eine Gewichtung von 10 % bis 15 % sowohl im Aktien- als auch im Anleihebereich für angemessen.
Die klassischen Emerging-Markets-Aktienindices liegen im ersten Halbjahr knapp 25 % im Plus, ein Blick in die Details ist aber wichtig. Erstens: Investments in Emerging-Markets bedeutet etwa 80 % Investment in Asien; dies gilt auch für uns. Zweitens: Getragen war die Entwicklung von eigentlich nur zwei Ländern, nämlich Taiwan und Südkorea. Drittens: Auch in diesen beiden Ländern war die Entwicklung getragen von einigen wenigen Aktien, womit wir wieder beim KI-Thema wären. Das Gute daran: China und Indien etwa haben zuletzt wenig Entwicklung gezeigt, was für die Zukunft Chancen bringt. Wir halten unsere Empfehlung klar aufrecht und meinen immer noch, dass in vielen Anlagestrategien die Emerging-Markets eine zu geringe Rolle spielen.
Leitplanke 9
ALS NÄCHSTES GLÄNZEN DIE ROHSTOFFE
Der globale Bedarf in den kommenden Jahren ist hoch; speziell, aber nicht nur an Industriemetallen wie Kupfer. Es ist zweifelhaft, ob die oft geringen Investitionen in neue Abbaugebiete reichen, um den Bedarf in den kommenden Jahren zu decken. Der Aufschwung von KI und die dazugehörigen Investments in Hardware und Energieinfrastruktur treiben die Nachfrage über viele Rohstoffe hinweg. Bei Öl ist die Stimmung so negativ, dass es markttechnisch reizvoll ist, eine taktische Gegenposition einzunehmen.
Wir halten alle Argumente für aufrecht, manche wie die Logik für Kupfer haben sich sogar verstärkt. Wir bleiben daher in unseren Mischstrategien weiterhin investiert. Öl fällt etwas unter die Rubrik „Right for the wrong reasons“. Klarerweise konnten wir den Krieg USA/Israel gegen Iran nicht vorhersehen, sich strategisch zu positionieren hat sich aber gelohnt. Der breite Rohstoff-Index liegt seit Jahresbeginn etwa 14 % im Plus, wir halten unsere Positionen stabil und sehen das Segment weiterhin als strategisch für die kommenden Jahre an; taktische Anpassungen schließen wir nicht aus, sind aber nicht unser Plan.
P.S.: Mit Beginn September werden wir eine Strategie anbieten, mit der Sie ganz einfach in die Bereiche Energie, Edelmetalle und Industriemetalle investieren können.
Leitplanke 10
GOLD: WEITER STRATEGISCHE LOGIK
Wir argumentieren seit vielen Jahren pro Gold, auch wenn uns die Dimension des Anstieges 2025 überrascht hat. Eine Wiederholung ist unwahrscheinlich. „Gold ist daher jene Asset-Klasse, die man am wenigsten einer Kalenderjahrbetrachtung unterziehen sollte“. Auch diese Formulierung von vor einem Jahr nehmen wir mit in das neue Jahr. Da die Argumente von Käufen der Notenbanken bis hin zu Staatsschulden und Papiergeld alle gültig sind, bleiben wir auch investiert.
Auf den Rekordanstieg bis in den Bereich 5400 USD/Unze folgte eine Korrektur bis auf den 4000er-Bereich. Wir stufen dies nicht als Trendwende ein, sondern als normale und durchaus gesunde Korrektur. Wir meinen, dass die übergeordneten Trends alle intakt sind: Die latenten Inflationsgefahren aufgrund zu hoher Staatsschulden, das Interesse vieler Notenbanken an Diversifikation neben den Dollar-Reserven sowie die generell schwer planbare Geopolitik. Gold steigt nicht immer genau dann, wenn man es erwartet. Daher raten wir weiterhin zu einer strategischen Gewichtung, welche die 10 % Marke der Gesamtstrategie nicht überschreiten sollte. P.S.: Ein wesentlicher Einflussfaktor auf den Goldpreis sind die Zinsen, da Gold eben den Nachteil hat, dass es keine Zinsen bezahlt. Die höher als zu Jahresbeginn erwartet liegenden US-Zinsen drücken aktuell auf den Goldpreis, dies wird aber nicht immer so sein.
Fazit
UNSER TAKTIKCHECK ZUR HALBZEIT
Ich hoffe, ich konnte mit dem Einblick in das Innenleben einer Fondsgesellschaft Ihre Gedanken ordnen. Ein bemerkenswert turbulentes Halbjahr der Geopolitik liegt hinter uns, ebenso aber auch ein bemerkenswert stabiles Finanzmarkthalbjahr. Einmal mehr ein Beweis, wie sehr man die Dinge getrennt beurteilen muss. Wer sich nur mit den Wirren der Geopolitik beschäftigt, wird an der Börse wenig Erfolg haben.
Anlagestrategien sind immer individuell und abhängig von Ihrem persönlichen Umfeld. Allgemein gesprochen meinen wir aber, dass wir uns in einer Zeit der Mischstrategien befinden. Wir sehen in den Bereichen Anleihen, Aktien und Gold/Rohstoffe weiterhin ein Übergewicht an Chancen und kein Übergewicht an Risiken. In unserer Mischstrategie „Best of 3 Banken-Fonds“, welche unser Weltbild zusammenfasst, halten wir aktuell etwa 45 % Anleihen, 45 % Aktien und 10 % Rohstoffe/Gold; wir halten dies für eine solide und logische Aufstellung.
Wir sind mit der Taktik des ersten Halbjahres zufrieden und werden nach der wichtigen Pausenanalyse mit unveränderter Aufstellung in die zweite Halbzeit gehen. Wir wünschen Ihnen einen erholsamen Sommer und melden uns mit Beginn September mit unserem Monatskommentar zurück. Nehmen Sie als Fazit die Überzeugung mit, dass das hektische tägliche Auf und Ab von Kursen nicht von der definierten Strategie ablenken darf.
Oder wie es Warren Buffett treffend formulierte: „Spiele werden von jenen gewonnen, die auf das Spielfeld achten und nicht von jenen, die nur auf die Anzeigentafel schauen“.
Ihr Alois Wögerbauer
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